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Ein idyllisches Fachwerkhaus in der Eifel, ein Job, der ihr Spaß macht und ein attraktiver sportlicher Mann, der für ihre drei Söhne ein liebevoller Ersatzvater ist. Heike Moll ist zufrieden mit ihrem Leben. Aber am 21.07. 2013 ist das alles plötzlich vorbei. Die ganze Familie ist an diesem Tag auf dem Nürburgring, denn Heikes Lebensgefährte Stefan ist ein ambitionierter Hobbymotorrad-Rennfahrer. Wie an so vielen Wochenenden in dieser Rennsaison geht Heike noch vor der letzten Runde mit den Kindern zum Wohnwagen, um schon mal die Sachen zu packen. Stefans Unfall hat sie zum Glück nicht gesehen. Ein anderer Fahrer hatte ihn gestreift – und Stefan fuhr in der letzten Kurve ungebremst gegen die Begrenzungsmauer. Mit dem Auto fährt Heike hinter dem Rettungshubschrauber her, der Stefan ins Marienhospital in Neuwied bringt.


Ein ganzes Ärzteteam bemüht sich im Krankenhaus Neuwied um die Rettung des schwerverletzten Stefan.
Ein ganzes Ärzteteam bemüht sich im Krankenhaus Neuwied um die Rettung des schwerverletzten Stefan.

Auf einmal ist nichts mehr so wie es war 
Das Krankenhaus verfügt über eine hervorragende Neurochirurgie. Die Ärzte dort operieren die ganze Nacht. Ob er aber überlebt, hängt von dem Ausmaß seiner Hirnverletzung ab und das lässt sich von den Ärzten nur schwer einschätzen. Stefan bekommt hohes Fieber. Sein verletztes Gehirn kann die Körpertemperatur nicht mehr regulieren. Irgendwann stabilisiert sich sein Zustand, aber er wacht nicht auf. Mehrere Versuche, ihn mit der Gabe von Medikamenten aus dem Koma zu befreien, scheitern. Als er endlich die Augen öffnet, geht sein Blick ins Leere. Seine Diagnose lautet jetzt Wachkoma. Für Heike eine Katastrophe: „Das alles genauso kommt, wie man das Schlimmste befürchten kann, das hätte ich nicht gedacht, wie einen so etwas treffen kann. Ja und auf einmal ist gar nichts mehr, wie es mal war.“


Stefan hat die Diagnose Wachkoma erhalten.
Stefan hat die Diagnose Wachkoma erhalten.

Familienleben mit einem Wachkomapatienten 
Heike entscheidet sich dafür, Stefan zuhause zu pflegen. Sie ist gelernte Physiotherapeutin und weiß, wie man mit unbeweglichen Patienten umgehen muss. Vieles, was für die Pflege von Stefan notwendig ist, muss sie sich allerdings erst aneignen. Sie lernt beispielsweise, wie sie Stefan seine künstliche Ernährung verabreichen kann und was bei der Mundpflege eines Menschen, der kaum selbstständig schlucken kann, zu beachten ist. Stefan muss 24 Stunden am Tag betreut werden. Das kann Heike nur leisten, weil sie ihren Job aufgegeben hat. Ihre Söhne unterstützen diese Entscheidung. Nur ihr ältester, der 17-jährige Lukas, war zunächst dagegen: „Am Anfang habe ich gedacht, dass es uns voll kaputt macht als Familie.“ In mancher Hinsicht ist Lukas Befürchtung auch richtig. Früher hat die Familie viele Ausflüge unternommen. Gemeinsam haben sie beispielsweise die Schlösser und Burgen der Umgebung erkundet oder sind auf die Sommerrodelbahn gefahren. „Bei jedem Quatsch, den die Jungs machen wollten, war Stefan vorne mit dabei“, erzählt Heike.


Heike gibt ihm über eine sehr große Spritze seine künstliche Ernährung in seine Magensonde
Heike hat ihren Beruf aufgegeben, um sich 24 Stunden am Tag um Stefan kümmern zu können.

Auch finanziell eine Herausforderung 
Ein Jahr nach seinem Unfall hat Stefan selbst vor kurzen Spaziergängen mit dem Rollstuhl Angst. Er braucht seine vertraute Umgebung. Also bleiben auch Heike und ihre drei Jungs zuhause. Aber selbst, wenn Stefan irgendwann seine Angst verlieren würde, könnte sich die Familie kaum jemals einen Ausflug leisten. Weil Heike nicht mehr arbeiten geht, beträgt das monatliche Familieneinkommen für den Fünf-Personen-Haushalt lediglich 1800,- Euro. Es setzt sich im Wesentlichen aus den 700,- Euro Pflegegeld und dem Kindergeld zusammen.

Heike gibt nicht auf 
Obwohl Stefan zuhause gepflegt wird, bekommt er jeden Tag Therapien. Ein Ergotherapeut kommt und trainiert mit ihm unter anderem wie er seine Hand bewegen muss. Eine Logotherapeutin übt mit ihm das Schlucken und immer wieder wird er mit einem sogenannten Stehtrainer in eine aufrechte Position gebracht. In diesem Gerät kann ein Komapatient festgeschnallt und zum Stehen gebracht werden. Das soll Stefan wieder aufwecken. Und tatsächlich bemerkt Heike immer wieder Zeichen von Wachheit bei Stefan. Über das Internet informiert sie sich über alle Neuigkeiten aus der Komaforschung und wird schließlich selbst zur Expertin. Sie glaubt, wenn nur der richtige Forscher Stefan untersucht, wird er, genau wie sie, zu dem Schluss kommen, dass in Stefans unbeweglichem Körper noch eine Person steckt, die nur herausgeholt werden will.


Der belgische Komaforscher Steven Laureys im Interview.
Der belgische Komaforscher Steven Laureys stellt fest, dass Stefan bei Bewusstsein ist, diagnostiziert aber eine so schwere Hirnverletzung, dass weitere Fortschritte extrem unwahrscheinlich sind.

Untersuchung beim Koma-Spezialisten 
Sie findet einen Spezialisten: den Komaforscher Steven Laureys im belgischen Lüttich. Heike setzt bei der Krankenkasse schließlich durch, dass Stefan dort untersucht werden kann. In Lüttich macht das Team um Laureys beispielsweise eine sogenannte Positronenemissions-Tomographie mit Stefan. Diese Untersuchung zeigt, welche Hirnteile bei Stefan noch aktiv sind und welche nicht. Die Bilder zeigen, dass Stefans Stirnhirn so schwer geschädigt ist, dass es kaum noch arbeitet. Am Ende entscheidet aber das Ergebnis aller Untersuchungen. Die erste Aussage des Experten ist für Heike ermutigend: Stefan ist bei Bewusstsein. Aber dann verkündet Laureys doch noch eine Hiobsbotschaft: Stefans Hirnverletzung ist so schwer, dass er wohl nie wieder sprechen oder laufen können wird.


Stefan wird in einem sogenannten Schwimmrollstuhl von Heikes Söhnen ins Schwimmbad hinab gelassen
Heike macht mit Stefan eine Schwimmtherapie – mit der Unterstützung ihrer drei Söhne.

Das Leben nach der niederschmetternden Diagnose 
Ein halbes Jahr nach der Untersuchung im belgischen Lüttich hat Heike wieder neuen Mut gefasst. Stefan ist viel aktiver geworden. Sie kann jetzt mit ihm kommunizieren. Wenn sie ihn beispielweise fragt, ob er aufstehen will, kann er blinzeln und die Hand heben, als Zeichen der Zustimmung oder Ablehnung. Wenn Heike ihn nun vom Rollstuhl ins Bett bewegen will, stellt er sich selbst hin und Heike muss ihn nur zur Balance halten. In einem Hotelschwimmbad in der Nähe hat sie angefangen, mit Stefan zu trainieren. Mit Hilfe der tragenden Kraft des Wassers kann Stefan sogar wieder Gehbewegungen machen. Seine Fortschritte haben aber auch einen Nachteil: Heike kann ihn nun kaum alleine lassen. Zu groß ist die Gefahr, dass er sich zu stark bewegt und aus dem Bett oder dem Rollstuhl fällt. Außerdem bekommt er nun häufiger Anfälle. Ohne ersichtlichen Anlass fängt er dann an zu schreien und um sich zu treten. Heike ist ihm dann kaum gewachsen. Es kommt auch zu diesen Anfällen, wenn es Heike selbst schlecht geht. Aber auch, wenn sie mal eine Nacht wegen einer Magendarmgrippe nicht geschlafen hat, muss die Pflege von Stefan weitergehen – eine Pause kann sie sich nicht leisten.


Die Gesichter von Heike und Stefan
Heike und Stefan

Ein Blick in die Zukunft 
Während der Sommerferien war Heike mit Stefan und den Jungs in einer Reha-Einrichtung in Tschechien. Es war fast schon so etwas wie ein Familienurlaub. Damit sie auch Zeit mit Altersgenossen verbringen können, sind der 11-jährige Phillip, der 14-jährige Leon und der 17-jährige Lukas danach noch in verschiedene Ferienlager gefahren. Heike war in dieser Zeit alleine mit Stefan. „Ich habe gemerkt, wie viel Unterstützung und Hilfe ich doch immer wieder von den Jungs habe.“ Dass die ältesten bald für eine Ausbildung das Haus verlassen, ist absehbar. Für Heike ist das zwar irgendwie auch eine beängstigende Vorstellung, sie blickt aber trotzdem optimistisch in die Zukunft: „Bis dahin muss der Stefan laufen können“, sagt sie und schaut Stefan dabei lachend an. Er nickt.

Autorin: Kristin Raabe

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